Geschichte des Hungerstreiks

Hungerstreiks werden weltweit als ein Mittel des gewaltfreien zivilen Widerstands verwendet, um soziale und politische Veränderungen voranzutreiben. Am häufigsten treten Menschen in den Hungerstreik, wenn andere Mittel ausgeschöpft sind, große Verzweiflung herrscht und wenig Aussicht auf politische Veränderung erkennbar ist. Beim Hungerstreik wird die Nahrungsaufnahme im vollen Bewusstsein möglicher Schäden bis hin zum Tod (wenn auch selten) verweigert. Menschen im sogenannten trockenen Hungerstreik verweigern zudem die Aufnahme von Flüssigkeit, welches schnell zu Langzeitschäden oder dem Tod führt. Im Unterschied zu anderen Aktionsformen des zivilen Ungehorsams fügen die Hungerstreikenden nicht ihrem Gegner – die Forderungen der Hungerstreikenden richten sich meist gegen die Regierung – sondern sich selbst Leid zu. Strategisch ist dies dadurch wirkungsvoll, dass die Bedrohung des Leidens und des Todes der Hungernstreikenden das Handeln der Regierung überschattet und einen öffentlichen Rechtfertigungsdruck erzeugt. Lässt die Regierung die Hungerstreikende weiter hungern und im Ernstfall sterben, würde das volle Ausmaß der Ungerechtigkeit und Auswegslosigkeit gezeigt. Die zur Schau getragene Opferbereitschaft der Hungernden entfaltet große symbolische Bedeutung, mobilisiert wachsende Unterstützung und deligitimert die Regierung. Das bedeutet auch, dass Hungerstreikende nicht versuchen die Ansichten der Regierung zu konvertieren und einen “Herzenswechsel” zu erzielen, sondern durch ihren Streik ihre Gegner zu Zugeständnissen bringen.


1) Eines der bekanntesten Beispiele in der Geschichte sind die Hungerstreiks von Mohandas Gandhi in Indien. Er verweigerte in den 1930er und 1940er Jahren mehrfach wochenlang die Nahrungsaufnahme, um sein Volk von einem Bürgerkrieg abzuhalten, zu dem es dann tatsächlich nicht kam.


2) Auch die Suffragetten (Frauenrechtler:innen) im Vereinigten Königreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben durch ihre Hungerstreiks öffentliche Aufmerksamkeit erhalten, tausende Menschen mobilisiert und zum Wahlrecht der Frau beigetragen. Die inhaftierte Frauenrechtlerin Marion Wallace-Dunlop antwortete im Juli 1909 auf der Frage, was sie essen würde: “Meine Entschlossenheit”.

3) Und auch Republikanische Gefangene in Nordirland machten mehrfach – zuletzt 1980 und 1981 mit Hungerstreiks auf ihr Anliegen aufmerksam. Selbst wenn diese keine Zugeständnisse vom Staat brachten, hatten sie großen Einfluss auf die Öffentlichkeit   sowohl durch die Hinwendung neuer Menschen zur Sache als auch durch das Anheizen der Emotionen derjenigen, die sich bereits dafür einsetzen.


In den letzten Jahren haben bereits kleinere Gruppen und Einzelpersonen aus purer Verzweiflung über die anhaltende Situation der Überlebenskrise und Unterdrückung zunehmend zu dieser Taktik gegriffen. Mitunter mit wenig medialer Beachtung, wie etwa der unbefristete Hungerstreik der Gruppe “Coloured Rain” für die sofortige Aufnahme von Geflüchteten im April 2020 in Landau. [https://www.instagram.com/cxlxured_rain/]


Zwei der Hungerstreiks der letzten Jahre, die unserem Kontext näher kommen, sind die Hungerstreiks einer Gruppe um die chinesische Aktivistin Howey Ou in Lausanne in der Schweiz sowie ein anschließender Hungerstreik der österreichischen Rebellin Martha Krumpeck in Wien. Mit beiden haben wir über ihre Erlebnisse und Erfahrungen gesprochen.


Hungerstreik gegen den Ökozid

Eine Dreiergruppe um die 18-Jährige Howey Ou begann am 19. April 2021 auf dem Palud-Platz in Lausanne einen Hungerstreik, um gegen ihre Verurteilung zu 60 Tagen Gefängnis und 1.200 Schweizer Franken Geldstrafe zu protestieren, weil sie gegen die Ausweitung des Kalksteinbruchs auf dem Mormont-Hügel durch das schweizerisch-französische Zementunternehmen LafargeHolcim protestiert hatten.
Mit wenig Vorbereitung startete der Hungerstreik, der insbesondere in einigen Kanälen von FridaysForFuture schnell Verbreitung fand (u.a. da Howey bereits mit ihren Schulstreiks in China für Aufmerksamkeit gesorgt hatte). Sie harrten ohne einen Schlafsack auf dem Platz aus und posteten täglich Fotos und Statements in den sozialen Medien. Am siebten und achten Tag kamen weitere Vertreter*innen von lokaler und nationaler Presse zum Platz. Etwa ein halbes Dutzend Menschen traten solidarisch für einen Tag in den Hungerstreik, brachten Tee oder diskutierten auf dem Platz. Die Moral der Gruppe schwankte stark – auch durch Arbeitsüberlastung währenddessen – und nachdem ein Mithungernder am 5. Tag ausstieg, beendeten die anderen beiden ihr Fasten nach 10 Tagen. Nach eigenen Angaben bedarf es das nächste Mal besserer medialer Vorbereitung, ein klares Gruppengefühl und die durchgehendere Anwesenheit auf dem Platz. [https://www.20min.ch/fr/story/une-zadiste-chinoise-entame-une-greve-de-la-faim-a-lausanne-340296976114]


Inspiriert von Howey Ou trat die 29-jährige Molekularbiologin Martha Krumpeck am 31. Mai diesen Jahres in den unbefristeten Hungerstreik. In offenen Briefen auf den Seiten von Extinction Rebellion Österreich fordert sie die Straffreiheit für alle Menschen welche für unsere Lebensgrundlage kämpfen und einen sofortigen Stopp von allen klimaschädlichen Projekten und Subventionen – insbesondere des Neubaus des Lobau-Autobahn-Tunnels bei Wien. Nach 11 Tagen schrieb sie: “Dieser Hungerstreik ist echt. Ich habe in den letzten 10 Tagen 4kg an Gewicht verloren. Noch geht es mir den Umständen entsprechend gut, aber mein Körper wird das nicht unbegrenzt durchhalten. Ich schreibe Ihnen diesen Brief, solange ich noch die Kraft dazu habe.”Am 16. Tag ihres Hungerstreiks erzielte Martha einen nationalen Medienrummel und es wurde in zahlreichen österreichischen Tageszeitungen über den Hungerstreik berichtet.Weiterhin schrieb Martha tägliche Updates über den Hungerstreik auf Twitter.Später ab es zu mehreren Gesprächen vor Ort – mit Wiener Abgeordneten wie mit einem Mitarbeiter vom zuständigen Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ), welches aber nur in Lippenbekenntnissen endete. Nach insgesamt 32 Tagen erklärte sie am 02. Juli den Hungerstreik für vorerst ausgesetzt, nach der Ankündigung eines Klimachecks durch das Verkehrsministerium, bei dem künftig in  Planung befindliche Autobahn- und Schnellstraßen-Projekte in Österreich auf ihre Klimabelastung geprüft werden sollen. Auch wenn Martha mehrfach Pressekonferenzen abhielt, beschreibt sie die Medienstrategie als ausbaufähig. Auch die internationale Vernetzung sollte bei weiteren Hungerstreikts gestärkt werden, schlägt sie vor.[https://www.pressenza.com/de/2021/06/hungerstreik-am-heldenplatz/]

Weitere Hungerstreiks (unsortiert):

in deutschen Gefängnissen 2008: https://www.heise.de/tp/features/Hungerstreik-in-deutschen-Gefaengnissen-3419591.html
Türkei 2012 und davor: https://civaka-azad.org/hintergrundinformationen-zum-aktuellen-hungerstreik/
München & Berlin 2013 Asylsuchende: Hungercamp, Räumung, Todesgefahr:MEHR HIER: https://orga.extinctionrebellion.de/s/YrbX2W2edeWtZrz


Hungerstreik am Münchener Rindermarkt:

Am 22. Juni 2013 traten nach einer Demonstration in München zunächst 95 Asylbewerber auf dem Rindermarkt in einen Hungerstreik[44], um ihre Anerkennung als politisch Verfolgte zu erzwingen.[45] Die Asylbewerber stammen unter anderem aus Nigeria, Äthiopien, Pakistan, Afghanistan und dem Iran. Während des Streiks wurden erneut die englischsprachigen Begriffe non-citizen und citizen verwendet.[46] Citizens durften aufgrund eines Supporter-Codexes nicht an den Plenarsitzungen der Hungerstreikenden teilnehmen.[47][48]Nach ergebnislosen Verhandlungen mit den Behörden stellten am 25. Juni 50 Flüchtlinge auch das Trinken ein. Sowohl das Innenministerium als auch das Sozialministerium erklärten, sie seien nicht für die Flüchtlinge zuständig und verwiesen auf das jeweils andere Ministerium.[49] Am 27. Juni 2013 mussten 15 der Asylbewerber nach Zusammenbrüchen in Krankenhäuser aufgenommen werden.[50] In den kommenden Tagen erhöhte sich die Anzahl kollabierter Personen auf 35, zwei Personen mussten wiederbelebt werden. In ihrer letzten Pressemitteilung hatten die streikenden Flüchtlinge mit Hungertod im Stil von Holger Meins und Bobby Sands gedroht.[51][52] Das Lager wurde am 30. Juni 2013 durch die Polizei geräumt,[53] 44 Asylbewerber kamen in 12 verschiedene Krankenhäuser.[54] Bei der Räumung kam es auch zu Blockaden durch Unterstützer, 12 Personen wurden festgenommen,[55] darunter auch der iranische Sprecher der Flüchtlinge,[56][57] der sich nicht am Hungerstreik beteiligte[58] und bereits ein Jahr zuvor einen Aufenthaltstitel bekommen hatte.[59] Dieser äußerte sich im Nachhinein, dass sich die deutsche Öffentlichkeit an die Verschärfung des Protests gewöhnen müsse.[60]Fünf Flüchtlinge erhielten eine längere Behandlung im Krankenhaus, 23 wurden vom Sozialreferat der Stadt in München untergebracht.[61] Flüchtlingsschutz nach der Genfer Flüchtlingskonvention erhielt ein Flüchtling, der sich am Hungerstreik beteiligte, subsidiärer Schutz wurde neun weiteren zugesprochen.[62][63]Bei der Mahnwache, welche eine Woche später am Rindermarkt am 11. Juli 2013 stattfand, kam es zu erhöhter Polizeipräsenz. Die Behörden wollten damit nach eigenen Angaben einen weiteren Hungerstreik verhindern.[64]


Hongkong 2014: https://www.theguardian.com/world/2014/dec/01/hong-kong-protest-leader-joshua-wong-hunger-strike
Schweiz 2019, auch Landwirtschaft: https://www.20min.ch/story/schweizer-klimaaktivist-will-nichts-mehr-essen-784858668852
Belgien 2021: https://abcnews.go.com/International/wireStory/belgian-govt-announces-breakthrough-migrant-hunger-strike-78970877
weitere, z.B. Österreich 2019https://wiensyndikat.wordpress.com/2019/04/13/hungerstreik-fuer-das-leben/
BERLIN 2019: https://lowerclassmag.com/2019/04/14/hungern-gegen-isolation-hungerstreik-berlin/solidarität mit kurdischen gefangenen in der türkei
Kolumbien 2020https://www.amerika21.de/2020/08/242871/hungerstreik-gefangene-kolumbien
Griechenland 2021http://political-prisoners.net/such-ergebnis/neue-zuerst/Page-1.html?searchphrase=any&searchword=hungerstreik